Was ich bin? Ich bin ein Gefühl.
Ihr könnt mich nicht auf einer Landkarte finden. Die meisten verwechseln mich mit dem Alleinsein, dabei waren wir nie dasselbe. Ihr könnt Familie haben. Freunde und einen Partner. Und mich trotzdem kennenlernen.
Ihr hört doch ständig, was die Leute über mich erzählen. Vielleicht habt ihr euch deshalb nie selbst ein Bild von mir gemacht.
Wie auch immer. Ich wollte euch nie etwas Böses. Nutzt mich. Dafür bin ich da.
Ihr sprecht kaum über mich. Vielleicht, weil es euch so schwerfällt, mich zuzugeben. Vielleicht auch, weil ihr euch meinetwegen schämt.
Ich gehe mit euch nach Hause. Und dort merkt ihr plötzlich, dass niemand auf euch wartet.
Die meisten sehen mich eher als Gegner. Womöglich war ich für euch einfach nur ein unbequemer Lehrer.
Und vielleicht glaubt ihr, ich hätte euch etwas genommen.
Ist das euer Vorwurf? Dass es meine Schuld sein soll? Dass Beziehungen sich verändern? Dabei mache ich oft nur sichtbar, was schon lange zwischen zwei Menschen liegt.
Und das Vertrauen? Zerstöre ich es wirklich? Ich decke doch nur auf, wie wenig davon noch übrig war.
Es braucht einen einzigen Menschen, der eure Muster kennt. Der bemerkt, wenn euer Lachen leiser geworden ist. Und etwas in euch nicht mehr denselben Frieden trägt.
Vielleicht ist das mein Gegenteil. Nicht Gesellschaft, sondern Verbundenheit.
Nicht, weil ihr darum bitten musstet. Einfach, weil ihr einem Menschen wichtig seid. Ein Mensch, der sagt:
„Du musst das hier nicht allein tragen.“
„Ich kann es dir nicht abnehmen.“
„Aber ich gehe ein Stück mit dir.“
Vielleicht haben Menschen verlernt, einander wirklich zu sehen. Nicht, um einander zu kontrollieren oder zu überwachen. Vielmehr, um einander zu verstehen.
Doch Aufmerksamkeit ist nichts, worum ihr dauerhaft bitten solltet. Schon gar nicht etwas, das ihr ständig einfordern müsst.
Bleibt sie aus, werden wir irgendwann müde, uns immer wieder bemerkbar zu machen. Und irgendwann hören wir auf, auf jede Einladung zu hoffen. Heute sprechen wir selbst die Absage.
Ich verrate euch etwas. Früher oder später stelle ich jedem dieselbe Frage: Warum war ich es irgendwann nicht mehr wert?
Ich sehe, wie Menschen ihre Geschichte umschreiben. Schließlich trägt jeder die Spuren anderer in sich. Keiner entsteht aus dem Nichts. Deshalb schmerzt nicht das Ende einer Beziehung. Sondern das Gefühl, ausradiert worden zu sein.
Genau diese Wunde wollte ich euch zeigen. Nicht das Vergessen. Es ist das Leugnen dessen, was euch geprägt hat.
Es tut mir leid, dass ich euch all das spüren lassen musste. Doch es war unausweichlich.
Es gibt Lektionen, die ich euch nicht beibringen konnte. Das Leben musste sie euch lehren.
Wie oft wart ihr von Menschen umgeben und habt euch trotzdem unendlich allein gefühlt?
Hier liegt das, worüber niemand zu sprechen wagt.
Vielleicht musste ich euch erst ins Alleinsein führen, damit ihr merkt, dass es auch heilsam sein kann.
Ihr fragt euch bestimmt, warum manche Menschen mir immer wieder begegnen, andere kaum und manche scheinbar nie.
Die Antwort ist ganz einfach. Ihr habt aufgehört, vor mir davonzulaufen.
Ich begegne euch nämlich dort, wo das, wonach ihr euch sehnt, nicht mehr zu dem passt, was ihr wirklich erlebt.
Ist euch schon einmal aufgefallen, dass zwei Menschen dieselbe Diagnose erhalten können und trotzdem nur einer von ihnen mich zu seinem ständigen Begleiter macht? Dass zwei Menschen denselben Abschied erleben können und trotzdem nur einer von ihnen keinen Weg aus der Trauer findet und in den Erinnerungen gefangen bleibt? Dass zwei Kinder dieselbe Kindheit erleben können und trotzdem wächst nur eines von ihnen mit mir auf? Dass zwei Menschen sich dieselbe Frage nach dem Sinn des Lebens stellen können. Und trotzdem antworte ich nur einem von ihnen mit meiner Gegenwart.
Ihr seid jedes Mal überrascht, wenn ich an eure Tür klopfe. Als Kinder wusstet ihr noch gar nicht, wie ihr mich beschimpfen solltet. Also redet euch nicht ein, ich wäre nur für wenige Menschen bestimmt.
Ich begegne nicht jedem gleich intensiv.
Aber früher oder später begegne ich jedem.
Danke. Ruh dich aus.
Den Rest übernehme ich.
Mein Name ist Wert. Wo ich bin, entsteht Bedeutung.
Schaut euch einmal ein Foto an.
Für den einen nur Papier.
Für den anderen unbezahlbare Erinnerungen.
Jeder Augenblick trägt Wert in sich.
Noch bevor ihr gelernt habt, an euch zu zweifeln, habe ich euch nie anders gesehen.
Viele glauben, sie hätten mich verloren. Dabei habe ich meinen Blick auf euch nie verändert.
Mich interessiert nicht nur, was geschehen ist. Mich bewegt, was es für euch bedeutet.
Euer Urteil verändert mich nicht.
Ich bin kein Lohn.
Fast hätte ich Sprache übersehen.
Vielleicht sollte sie sich einfach selbst vorstellen.
Darf ich kurz übergeben?
Ähm… hallo. Ich bin Sprache.
Eigentlich dachte ich, die meisten kennen mich schon.
Es heißt, ich sei das entscheidende Instrument. Die Brücke, durch die Beziehungen entstehen. Der Schlüssel zum Austausch von Erfahrungen.
Und der Vermittler von Gedanken und Erinnerungen.
Gleichzeitig können manche mich nutzen und sich selbst in Gesellschaft unverstanden fühlen.
Ich bin weit mehr als eine Ausdrucksform. Ich präge auch das Bild, das viele von sich selbst haben.
Denn nicht jeder hat gelernt,
seinen Gefühlen Worte zu geben.
Aber Schweigen bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Mensch nichts zu sagen hat.
Es kann auch sichtbar machen,
dass die Angst größer geworden ist
als die eigene Stimme.
Ich weiß nicht, ob das die Art verändert,
wie Menschen der Einsamkeit begegnen.
Weil ich gerade dort am sichtbarsten werde, wo Menschen nicht dieselbe Sprache sprechen und sich dadurch nicht in der Sprache ihres Gegenübers ausdrücken können.
Anderssein. Ausgrenzung. Migration. Das Gefühl, nirgendwo ganz dazuzugehören. Obwohl … ich versuche dabei zu helfen.
Manche sagen zum ersten Mal laut, was sie ihr Leben lang nur gespürt haben. Dann denke ich kurz, dass ich vielleicht doch nicht ganz nutzlos bin.
Es tut mir leid. Vielleicht könnt ihr manches einfach noch nicht benennen. Und solange etwas keinen Namen hat, bleibt es oft irgendwo im Verborgenen.
Es kann sein, dass auch ich zu diesen Missverständnissen beitrage.
Denn Menschen können dieselben Worte hören. Und dennoch etwas völlig Unterschiedliches verstehen.
Denn oft kennen Menschen nur bestimmte Versionen voneinander.
Die Rolle. Die Funktion.
Das, was man sehen kann.
Und ich … ich schaffe es nicht immer, den Menschen dahinter sichtbar zu machen.
Ähm… ja.
Das war’s auch schon von mir.
Ich übergebe wieder an Wert.
„Also, wo waren wir?“
Ihr setzt Dinge gleich,
die nicht dasselbe sind.
Allzu leicht verwechselt ihr das Symptom mit dem Ursprung.
Angenommen, ihr hättet alle Schätze der Welt. Würdet ihr euch deshalb
willkommen fühlen?
Es ist dieselbe Hoffnung. Im Erfolg.
In der nächsten Reise. In der nächsten Anschaffung.
Ja.
Geld kann Einsamkeit verstärken.
Letztlich kann es Menschen vom Leben ausschließen.
Erst durch euch wird ein Ort von mir berührt.
Denn ihr entscheidet euch füreinander.
Bitte gebt nicht auf, nach mir zu suchen. Nur nicht dort.
Es war nie mein Zuhause.
Ach, jetzt darf ich wohl auch mal etwas sagen. Ich dachte schon, ihr würdet mich ganz vergessen. Ohne mich ergibt das alles doch gar keinen Sinn. Ich bin es gewohnt, dass sich Gespräche früher oder später um mich drehen. Die meisten erkennen sofort, wie wichtig ich bin. Ich weiß ziemlich genau, was ich wert bin.
Andere müssen sich erklären. Ich nicht. Ich brauche keine Aufmerksamkeit. Sie findet mich von allein. Ich bin keine Nebensache. Ich bin der Anfang von allem. Man kann vieles ignorieren. Mich nicht. Ich hinterlasse Spuren, lange bevor Menschen meinen Namen kennen.
Wer mich unterschätzt, versteht Menschen nicht. Ich war schon Teil eurer Geschichte, bevor ihr eure Geschichte kanntet. Viele glauben, sie hätten mich hinter sich gelassen. Wie niedlich. Ihr könnt versuchen, mich auszublenden. Viel Erfolg dabei. Am Ende landet ihr sowieso wieder bei mir. Ich bin nicht wichtig, weil ich es behaupte. Ich bin wichtig, weil ihr ohne mich nicht erklären könnt, wer ihr seid.
Ich sehe schon. Ein paar von euch brauchen wohl etwas mehr Kontext. „Ihr verlangt tatsächlich, dass ich meinen Namen nenne?“ „Beleidigend.“ „Ich bin Herkunft.“
Ich erschaffe Identität. Familie. Sprache. Kultur. Erinnerungen. Erfahrungen. Ich halte die Fäden in der Hand. Positiv. Oder negativ.
Ich allein beeinflusse den Selbstwert. Menschen werden wegen mir ausgeschlossen. Sie werden immer wieder auf ihre Andersartigkeit reduziert.
Ich präge Chancen. Ich forme Selbstverständnis. Ich beeinflusse Bildung. Ich bestimme Einkommen. Ich verändere, wie Menschen sich selbst sehen. Und wie andere sie sehen.
Selbst wenn jemand versucht, sich von mir zu lösen, bleibe ich Teil seiner Geschichte. Ich gönne mir kurz eine Pause. Sonst heißt es am Ende noch, ich hätte immer das letzte Wort.
Wenn ihr erlaubt, scheint mir jetzt der richtige Augenblick gekommen zu sein. Ich wollte niemandem ins Wort fallen.
Ich gebe euch das Gefühl, sicher zu sein. Ihr müsst euch nicht verstellen, niemanden überzeugen und am allerwenigsten euch rechtfertigen.
Ich bin ganz im Moment, höre euch aufmerksam zu und schenke euch das Gefühl, einfach sein zu dürfen.
Ich wirke nicht perfekt oder inszeniert, sondern echt. Gerade deshalb fällt es leicht, mir zu vertrauen.
Das Schöne an mir ist, dass ich mich nicht in den Mittelpunkt drängen muss. Ich kann anderen ihren Platz lassen.
Moment. Wie unhöflich von mir. Ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt.
Hey, Einsamkeit. Hallo, Wert. Freut mich sehr, euch zu begegnen. Oh, hallo, Herkunft. Schön, dass du auch da bist.
Ihr dürft mich Selbstwert nennen.
Das war jetzt vielleicht etwas viel auf einmal. Deshalb noch einmal in aller Kürze. Nein. Ich bin kein Ego. Ich bin nicht Arroganz.
Ich bin die innere Überzeugung, dass ihr als Menschen wertvoll seid.
Ich bleibe, auch dann, wenn andere euch ablehnen. Selbst wenn andere euch unterschätzen. Ich kenne meine Stärken und meine Schwächen. Ich kämpfe nicht gegen mich selbst.
Bevor wir auseinandergehen, möchte ich euch noch etwas sagen.
Auch wenn Einsamkeit euren Selbstwert schwächt und ein verletzter Selbstwert der Einsamkeit wiederum mehr Raum gibt, geraten wir immer tiefer ineinander.
Lasst nicht zu, dass ihr euch immer weiter voneinander verliert.
Es war mir eine Freude. Gebt gut auf euch acht.
Ich hatte gehofft, heute nicht mehr gebraucht zu werden.
Ich war die ganze Zeit überzeugt, es läge an mir.
Hat euch das wirklich jemand glauben lassen? Ihr konntet euch eure Wurzeln doch nie aussuchen.
Ich bekomme das einfach nicht zusammen.
Wann wird der Ursprung zu Stolz?
Wann zu Scham?
Wann zu Zugehörigkeit?
Und wann wird er fälschlicherweise zum Maßstab für den Wert eines Menschen?
Jetzt ergibt euer Verhalten plötzlich Sinn. Jetzt verstehe ich, warum ihr Angst vor mir habt.
Ich habe mich geirrt. Ich war nur die Folge.